Der zweite Moment
Es gibt Momente, in denen ich mit Worten konfrontiert werde, welche in mir allerlei auslösen können.
Worte, die mich treffen.
Manchmal schneller als ich es überhaupt bemerke.
Das ist der erste Moment.
Dann erlebe ich den zweiten Moment.
Ich fühle, was passiert ist, und bemerke, wie mein Verstand gleichzeitig beginnt, das soeben erlebte einzuordnen.
Manchmal ist dieser Moment nicht schön.
Denn es ist völlig unerheblich, aus welchem Anlass er entsteht.
Ich entdecke, dass es für mich wichtig ist, wer oder was ich in jenem Moment sein möchte.
Aus welcher Haltung heraus gedenke ich, jetzt irgendeine Handlung zu vollziehen?
Manchmal beobachte ich bei mir den Wunsch, mich sofort zu rechtfertigen.
Oder zurückzuschlagen.
Manchmal möchte ich mich einfach zurückziehen.
Manchmal spüre ich sogar etwas viel Älteres, das mit der Situation selbst kaum noch zu tun hat.
Es ist zutiefst menschlich und völlig in Ordnung, sich so zu fühlen.
Je länger ich diesen zweiten Moment beobachte, desto mehr entdecke ich, was in ihm verborgen liegt. Erst dort bemerke ich, dass zwischen dem, was ich fühle, und dem, was ich tue, plötzlich wieder Raum entsteht.
Ich erkenne, dass die getriggerten Gefühle aus dem ersten Moment bei mir stattfinden.
Nicht beim anderen.
Und ich erkenne, dass ich die Möglichkeit habe, bewusst zu wählen.
Ich sehe, wie sich meine Wahrnehmung verschiebt. Weg vom Bedürfnis, mich gegen aussen darstellen zu müssen. Hin zum eigentlichen Wunsch tief in mir drin, meine Würde in der folgenden Handlung zu wahren und diejenige des anderen zu respektieren.
Der erste Moment mag vielleicht einfach so geschehen.
Den zweiten kann und muss ich nicht beschleunigen.
Ich kann mich entscheiden, nicht mehr auszuweichen.
Dort beginne ich mich selbst wiederzufinden.

